Auszug aus meinem Buch

Auszug aus meinem Buch: Sie küssen und sie schlagen sich. Das Dr. – Jekyll – und – Mr.-Hide-Muster in Misshandlungsbeziehungen. Kiesling 2010, Psychosozialverlag Gießen. S. 84 ff.Buchcover aktuell

Das Unbewusste – Die geheimnisvolle Dimension

„…. viele Sozialwissenschaftler (beziehen) bei ihren Untersuchungen das Unbewusste nicht (….) mit ein. Dadurch findet diese Dimension in der Sozialforschung oft gar keinen Eingang, ganz so, als gäbe es sie gar nicht.
Das hat einen triftigen Grund: Das Unbewusste ist nicht greifbar; es lässt sich weder beobachten noch messen. Jede Forschung, die diesen Bereich mit einbezieht, kann sich nicht auf Beobachtbares und deshalb auch nicht auf Fakten berufen. Wie soll etwas Unsichtbares, Nichtgreifbares erforscht werden? Es gibt ja nicht einmal einen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass das Unbewusste wirklich existiert. Wer kann schon die Frage beantworten, was es genau ist und wo es angesiedelt ist? Ist das Unbewusste Bestandteil der Seele? Und wenn ja, wo befindet sich diese? Sind sämtliche verdrängte Inhalte im Gehirn gespeichert oder sind die blockierten Gefühle in Form von Panzerungen im Gewebe gespeichert, wie Körpertherapeuten behaupten?
Letztlich stützen sich diesbezügliche Antworten auf Annahmen, die nicht bewiesen werden können.
(…..)
Wir haben es hier mit einer »großen Unbekannten« zu tun. Gleichzeitig ist dieses Unsichtbare, letztlich auch Unbegreifliche, an allen unseren Gedanken und Handlungen maßgeblich beteiligt. Das zu wissen und dennoch keinen Einfluss darauf nehmen zu können, macht hilflos.
Insofern handelt es sich hierbei nicht nur um eine »geheimnisvolle«, sondern um eine eher »unheimliche Dimension«.fractal-2038205_1920

Da ist es nicht zu verdenken, wenn diese trotz allen Wissens im Allgemeinen wieder ausgeblendet wird.

Das Ausblenden des Unbewussten führt jedoch zu völlig anderen wissenschaftlichen Ergebnissen. Im folgenden Beispiel käme man zu gegenteiligen Resultaten, wenn man das Unbewusste in die Überlegungen mit einbeziehen wurde.
Es geht hierbei um eine Studie, bei der herausgefunden werden sollte, ob traumatische Erlebnisse in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung stehen könnten. Hierzu wurden Personen befragt, die sich aufgrund eines Krebsverdachts einer diagnostischen Maßnahme unterziehen wollten. Zwei Gruppen konnten unterschieden werden: Diejenigen, die sich vorstellen konnten, dass ein traumatisches Ereignis, an das sie sich noch gut erinnerten, für ihre Erkrankung ursächlich sein könnte. Und die Gruppe derjenigen, die nach eigenen Angaben keine traumatischen Erfahrungen gemacht hatten.
Nachdem die Diagnosen gestellt waren, zeigte sich, dass bei denjenigen, die ein traumatisches Ereignis als Ursache für eine Erkrankung angenommen hatten, kein bösartiger Tumor diagnostiziert wurde. Bei denjenigen hingegen, die von keinen traumatischen Erfahrungen berichten konnten, wurde eine Krebserkrankung festgestellt. Das Forschungsteam zog aus diesem Ergebnis nun den Schluss, dass traumatische Ereignisse nicht an der Entstehung einer Krebserkrankung beteiligt sind. Schließlich habe die erkrankte Gruppe von keinen entsprechenden Erlebnissen berichtet.
Zu diesem Ergebnis konnten die Wissenschaftler nur gelangen, weil sie das Unbewusste außer Acht gelassen haben. Die Berücksichtigung der unbewussten Dimension hätte nämlich genau zu einem gegenteiligen Ergebnis geführt. Denn gerade die im Verborgenen liegenden, die verdrängten Inhalte sind es doch, die durch Symptome auf sich aufmerksam machen wollen. Deshalb konnte diese Gruppe auch nichts darüber berichten.
Beweisen lässt sich diese Überlegung indes nicht. Wie sollte man jene davon überzeugen, die behaupten, es gebe keine vollständigen Verdrängungen – entsprechende Erinnerungen seien lediglich suggeriert? (Prof. Merckelbach – in: Der Tagesspiegel, 23.06.1996). Zumal Merckelbach als Kritiker der Verdrängungstheorie »konkrete Beweise« für die Unmöglichkeit des Vergessens anführt, indem er auf Menschen verweist, »die in ihrer Kindheit nachweislich furchtbare Dinge erlebt haben – etwa im Konzentrationslager«. Diese, so argumentiert er, »können die Erinnerung daran ihr ganzes Leben lang nicht abschütteln, so gern sie das vielleicht auch tun würden« (ebd.).mannequins-1947866_1920

Diesbezüglich müsste zwischen den Verursachern einer Traumatisierung sehr genau differenziert werden. Ein Kind, welches beispielsweise von einem Fremden traumatisiert wird und bei seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen Trost finden kann, ist in der Lage, die traumatischen Geschehnisse verarbeiten und damit als erinnerungsfähige Bestandteile in seine Biografie aufzunehmen.
Ein Kind hingegen, welches von seinen Eltern traumatisiert wird, ohne dass eine andere Person hier beistehend eingreift, könnte eine solche Erfahrung nicht überleben. Vor einer solchen Erschütterung muss die Psyche geschützt werden, weil sie das nicht bewältigen könnte. Die Verarbeitungskapazität reicht für so extreme Verletzungen nicht aus. Deshalb treten Überlebensmechanismen ein, die sämtliche Sachverhalte, die das Überleben gefährden würden, gleichsam aus dem Bewusstsein löschen. Die Erinnerungen solcher Erfahrungen können zwar nicht völlig getilgt werden – sie bleiben im sogenannten »Trauma-Gedächtnis« gespeichert—, aber sie sind zumindest aus dem bewussten Erleben ausgeschlossen.
Das ist zunächst einmal ein überaus nützlicher Mechanismus, um verletzenden Erlebnissen, für die es keine Möglichkeit der Verarbeitung gibt, begegnen zu können.
Die »weggeschlossenen« Wunden aber bleiben unversorgt. Folglich ist der Organismus bestrebt, doch noch von diesen Verletzungen geheilt zu werden. Die verdrängten Erinnerungen entfalten fortan eine enorme Kraft und rütteln gleichsam an den Gitterstäben ihres Kerkers, um auf sich aufmerksam zu machen. In Form von Symptomen werden diese unerlässlich an die Oberfläche gebracht.
Der Organismus sucht ständig nach Wegen, um auf offene seelische Wunden aufmerksam zu machen. Ihm stehen vielfältige Ausdrucksformen zur Verfügung: Verspannungen, Blockaden, Körperpanzerungen, Krankheiten und eine Vielzahl psychischer Störungen. Es handelt sich hierbei quasi um Chiffren, derer sich die Einheit von Körper und Seele bedient, um auf seelische Verletzungen aufmerksam zu machen. Mit all diesen Symptomen geht nämlich ein innerer Druck einher, der antreibt, Erleichterung und Erlösung zu suchen.
Das, was sich im Unbewussten verbirgt, ist also durchaus an seinen Zeichen zu erkennen.
(…)
Lediglich durch Textanalysen lassen sich diese identifizieren. Denn das Unbewusste ist an die Sprache gebunden (Lacan 1996 [19661).